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Tierpsychologie – logie OHNE Psyche

Die heutige Tierpsychologie hat nichts mehr mit der Psyche, dem inneren “Erleben” eines Tieres zu tun. Sie ist reduziert auf das reine Verhalten, das mittels Training verändert werden soll.

Im deutschsprachigen Raum vollzog sich bezüglich der Tierpsychologie ein merkwürdiger Wandel. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Tierpsychologie bewusst analog gesetzt zur Humanpsychologie und erhielt zeitweilig wissenschaftliche Bedeutung. In dieser Zeit waren Forscher verstärkt bemüht, das innere Erleben von Tieren zu analysieren, zu verstehen und praktisch darauf einzugehen. In den späten 1930iger Jahren war die Tierpsychologie in bibliografischen Gliederungen des Universitätsfaches Psychologie in Deutschland als eigenes Gebiet enthalten. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Tierpsychologie zurück geschleudert in den reinen Behaviorismus, was dazu führt, dass die heutige Tierpsychologie eine Psychologie ohne Psyche darstellt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Psychologie vornehmlich an dem Verhalten von Individuen interessiert. Geistige Prozesse wurden als 'nicht-beobachtbar' zurückgewiesen. Alle Prozesse, die in einem Organismus stattfinden, wurden von den Behavioristen nicht beachtet, da sie nicht beobachtbar und somit nicht wissenschaftlich zu erfassen waren bzw. sind. Aus behavioristischer [behavio(u)r = Verhalten] Sicht ist der Mensch – und erst recht das Tier - ein Produkt seiner Umwelt. Der als Gründer des Behaviorismus geltende John B. Watson (1913) untersuchte nur das, was jeder beobachten konnte - das Verhalten. So ist es bis heute in der sogenannten „Tierpsychologie“ auch geblieben. Jeder Hundehalter hat schon einmal von Pawlow gehört und kennt, zumindest ansatzweise seine Konditionierungs-Experimente. Ihm verdanken wir, dass Hunde generell unterschätzt werden und in der Erziehung, die nichts weiter als ein stupides Training ist, einzig und allein auf Konditionierung in verschiedenen Facetten zurück gegriffen wird. Im Behaviorismus werden keinerlei Annahmen über Struktur oder Funktionsweise des Geistes oder des Bewusstseins gemacht. Man sammelt und kategorisiert ausschließlich Beobachtungen. Zentraler Forschungsgegenstand ist das Verhalten und nicht das Bewusstsein.


Die Ziele der behavioristischen Psychologie bestehen in der Erklärung, der Vorhersage und der Modifikation von Verhalten.


Der Behaviorismus unterteilt sich in zwei Unterkategorien:

  • klassische Konditionierung (auch Signallernen) und
  • operante Konditionierung (auch Reiz-Reaktions-Lernen).

"Durch einen Reiz ausgelöste Reaktionen, bezeichnet Skinner als Respondenten (respondents), Reaktionen, die der Organismus einfach zeigt, Operanten (operants). Beim respondenten Verhalten reagiert der Organismus auf seine Umwelt, während er beim operanten Verhalten auf die Umwelt einwirkt."Lefrancois (1994, 33) Der sogenannte „Klassische Behaviorismus“ (z. B. Pawlow) lehnte Begriffe wie „Kognition“, „Gedanke“ oder gar „Gefühl“ komplett ab, der sogenannte Neobehaviorismus postulierte zwar diese innerlichen Prozesse, leitete ihr Vorhandensein jedoch streng aus Verhaltensbeobachtungen ab. In diesem „Zustand“ - also weit der Entwicklung und Forschung hinterher – befindet sich die angebliche „Tierpsychologie“ noch heute, ungeachtet aller wissenschaftlicher Erkenntnisse. 

dog school

In der Humanpsychologie gilt der klassische Behaviorismus heute als gescheitert, der Neobehaviorismus als größtenteils überholt. Die sog. Tierpsychologie jedoch befasst sich auch heute noch ausschließlich mit dem Behaviorismus.

Wenn wir also nun wissen, dass Hunde wie Menschen über ein Bewusstsein verfügen, müssen wir zwangsläufig einsehen, dass eine wie auch immer geartete Verhaltensänderung nicht durch behavioristische = sogenannte tierpsychologische Ansätze zu therapieren ist, weil diese eben das Bewusstsein ausschalten und jedes Verhalten lediglich durch Konditionierung oder Gegenkonditionierung zu verändern suchen. Es gibt erlernte psychische Störungen, die durch Konditionierung und/oder Gegenkonditionierung behoben werden können – allerdings ist hier kein, wie auch immer geartetes Hundetraining gemeint, sondern ein lernpsychologischer Prozess, der das Bewusstsein immer in den Vordergrund stellt. Ein rein auf das Verhalten bezogene Vorgehen hat schwere Folgen für die Psyche des Hundes – eher negativ als positiv, wie die Humanpsychologe bereits seit Langem eingesehen hat.

Die derzeitige Tierpsychologie ist häufig eine Psychologie ohne Psyche, da sie sich ausschließlich dem Behaviorismus verschrieben hat. Bei vielen „tierpsychologischen Ansätzen und Therapien“ handelt es sich lediglich um Hundetrainings-Methoden. Hier besteht trotz Engagement der Einzelnen noch ein großer Aufholbedarf, was sowohl die theoretische als auch die praktische Ausbildung betrifft. Erst seit einigen Jahren beginnen Forscher wieder, sich dem Hund als eigenständiges Wesen zuzuwenden und erforschen seine Fähigkeiten. Leider dringen weder die psychologischen noch die neuen Forschungserkenntnisse zu den Hundehaltern, Trainern, Tierpsychologen oder gar Gesetzgebern durch.

Es ist erfreulich, dass sich immer mehr Humanpsychologen auch den Tieren zuwenden und ihr Wissen, das durch langjähriges Studium erworben wurde (im Gegensatz zur Fernausbildung mit wenigen Praxis-Stunden der „Tierpsychologen“ bei Tieren anwenden. (Im Übrigen ist Tierpsychologe kein anerkannter Beruf - trotz Prüfungen lt. § 11 TSchG - und fällt auch juristisch unter den Beruf des Hundetrainers) Bedenkt man die Komplexität der Denkvorgänge eines so sozialen Lebewesens, wie dem Hund, liegt auf der Hand, dass es wohl kaum möglich ist das gesamte aktuelle Wissen in einem Ausbildungsjahr zu verpacken. Hier besteht sowohl im theoretischen, als auch und gerade im praktischen Bereich erheblicher Bedarf an kompetenten Ausbildungsinstituten. Da wäre es für Europa evtl. sinnvoll, sich an den USA zu orientieren, wo bis heute die Tierpsychologie ein Wahlfach beim Psychologie-Studium darstellt und die privaten Ausbildungsinstitute stets nach dem neuen Stand der Wissenschaft arbeiten.

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